Verfasst von: dieweltderalgen | 7. Dezember 2013

BIQ – Das Algenhaus in Hamburg-Wilhelmsburg : Futuristisches Konzept, aber nicht „die Zukunft“

BIQ – Das Algenhaus in Hamburg-Wilhelmsburg : Futuristisches Konzept, aber nicht „die Zukunft“

http://www.biq-wilhelmsburg.de/

In Hamburg-Wilhelmsburg steht ein Haus. Es ist grün angemalt und an zwei von vier Seiten (den südlich ausgerichteten) mit flachen „Aquarien“, sogenannten Plattenreaktoren bedeckt. Diese Reaktoren stehen ca. 30 cm vor der eigentlichen Fassade. In diesen befindet sich eine Algensuspension die durch Einblasen von Luft durchmischt und mit CO2 versorgt wird. Das Haus wurde im Rahmen der Internationalen Bauausstellung „IBA“ errichtet und die Algenanlage am 22.3.2013 in Betrieb genommen. Es gibt 15 Wohneinheiten, einige davon suchen noch ihren Mieter.

Da ich nun schon einige Male gefragt wurde, was ich davon halte und letzte Woche die Gelegenheit hatte, mir das anzuschauen, war ich mal gespannt, was diese Weltneuheit „Auge in Auge“ zu bieten hat.

Die Aussagen zu dieser lebenden Fassade klingen, als ob endlich die Lösung vieler unserer Probleme gefunden wurde! Die Algenfassade soll Kohlendioxid verbrauchen, Luft reinigen, Schatten spenden, Biomasse produzieren, Wärme und Energie produzieren, Abwasser verbrauchen, soll isolieren, dem Schallschutz dienen und insgesamt eine vierköpfige Familie komplett mit Strom (Biomasse zu Strom) versorgen können… Aha! Sind also in Zukunft alle Häuser „grün“?

Photosynthese

Als ich das Algenhaus erreiche ist es schon dunkel und nebelig. In großen Lettern steht am Haus „Photosynthese?“. Die Frage ist richtig gestellt und meine Antwort ist: Nein. Im Dunkeln findet nämlich keine Photosynthese statt. Außerdem liegen die Außentemperaturen um den Gefrierpunkt. Es ist Anfang Dezember. Bei den Temperaturen ist auch nicht viel mit Photosynthese, es sei denn man beheizt die Kulturen (kostet Energie) und beleuchtet diese (kostet auch Energie). Eine mögliche Antwort ist aber auch gleich noch mit aufs Haus gemalt und die lautet „Cool!“. Das ist zwar eine seltsame Antwort auf die Frage „Photosynthese?“ (macht nämlich jeder Wald), aber cool ist es wohl. Cool, dass es hier in Hamburg steht und cool, dass so etwas das erste Mal auf der Welt zumindest realisiert wurde und natürlich cool, weil der Öffentlichkeit einmal mehr die interessante und komplexe Thematik „Alge“ nahe gebracht wird!

Cool

Aber werden in Zukunft alle Fassaden mit grünen Algenreaktoren besetzt sein? Nein. Warum?

Biofouling Biofilm bearbeitetBeläge (links) mindern den Lichteintrag, Biofouling (rechts) ist schlecht zu kontrollieren

Am Algenhaus werden Plattenreaktoren zur Produktion von Algen eingesetzt. Diese haben sich für industrielle Anwendungen (Algenfarmen) nie gegen andere Technologien durchsetzen können. Sie realisieren zwar geringe Schichtdicken (hier: 1,2 cm) damit die Algen gut mit Licht versorgt werden, können aber schlecht gereinigt werden, neigen zur Belagbildung an den inneren Oberflächen und zum „Biofouling“ in den Bereichen, in denen die Luft entweichen muss (siehe Fotos). Es werden keine Zahlen zu den Kosten gegeben (da es sich ja auch erst mal nur um ein Konzept handelt), aber diese dürften immens gewesen sein: Material (thermoisoliertes Glas, bruchsicher), Aufhängung (hohes Gewicht), Steuerung/Versorgung etc…. Das muss an „Erträgen“ erst einmal wieder erwirtschaftet werden! Was kann man diesbezüglich erwarten?

Zwei Seiten des Hauses sind mit den 1,2 cm dicken Aquarien bedeckt. Es handelt sich um ein Gesamtvolumen von ca. 4.000 Litern. Bei besten Bedingungen, das heißt: optimale Temperatur und optimale Lichteinstrahlung (also nicht im Winter oder Hochsommer!) kann man in solchen Anlagen zwischen 2 und 6 g/l Algen-Biomasse maximal erhalten, hier also insgesamt zwischen 8 und 24 kg in der gesamten Anlage. Aber nicht pro Tag, sondern in ein-zwei Wochen! Alles unter optimalen Bedingungen. Ist es zu kalt oder zu warm oder zu dunkel reduziert sich das alles drastisch!

Bei regelmäßiger Ernte der Kultur kann man unter optimalen Bedingungen (z.B. sonniger Tag im Mai, nicht mehr als 30°C Außentemperatur) 10kg oder vielleicht auch 20kg Algen pro Woche ernten. Diese müssten zur energetischen Nutzung allerdings weiterverarbeitet werden (Kosten). Über das gesamte Jahr gerechnet sieht die Ertragslage dann auch komplett anders aus, ist nämlich viel, viel niedriger. Die vierköpfige Familie in Hamburg-Wilhelmsburg wird sich im Jahresdurchschnitt vielleicht eine Kanne Tee pro Woche mit der Algenenergie kochen können…

Fazit: Teure, wenig praktikable Technologie, die hinsichtlich einer energetischen Nutzung niemals rentabel sein wird und „Photosynthese?“: Findet in nennenswertem Umfang an anderen Tagen des Jahres statt. Aber sicher nicht heute und morgen und auch nicht übermorgen… Was bleibt ist ein cooles futuristisches und vor allem realisiertes Konzept, aber nur ein Konzept und die Zukunft sieht sicherlich anders aus. Tipp: Anschauen lohnt sich trotzdem!

Gesamtansicht

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Responses

  1. arschloch.

    • Normalerweise hatte ich mir vorgenommen, auf solche Kommentare nicht zu reagieren, aber hier muss ich doch mal eine Ausnahme machen und fragen: Getroffen?
      Ich hätte mir zwar etwas weniger verbal-fäkale Anonymität und ein paar mehr Argumente gewünscht, aber jeder präsentiert sich und seinen Standpunkt halt so gut er kann…


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