Verfasst von: dieweltderalgen | 29. September 2014

Zur Frage, ob Chlorella – Zellen „aufgebrochen“ werden müssen (broken cell-wall, mikronisiert…) oder nicht

Heute geht es mal wieder um eine Frage, die mir häufig gestellt wird und die ich versuchen möchte, zu beantworten. Ich habe mich in der wissenschaftlichen Literatur umgeschaut und diese für Euch aufgearbeitet und zusammengestellt. Solltet Ihr irgendwo weitere belegbare und zitierbare Fakten finden, würde ich mich freuen, wenn Ihr mir diese zuschickt!

Zur Frage, ob Chlorella – Zellen „aufgebrochen“ werden müssen (broken cell-wall, mikronisiert…) oder nicht

Der menschliche Organismus wird Zeit seines Lebens damit konfrontiert, pflanzliche Nahrung verdauen zu müssen. Chlorella ist auch eine (einzellige) Pflanze, allerdings mit einer recht stabilen Zellwand. Deshalb stellt sich immer mal wieder die Frage, ob die Zellwände speziell „aufgebrochen“ werden müssen, um entweder die Verdaulichkeit oder die Entgiftungsfähigkeit zu erhöhen.

Doch was sagt die wissenschaftliche Literatur dazu?

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Lichtmikroskopische Aufnahme einer Chlorella -Kultur

Die Diskussion kam 1977 auf als eine Studie zeigte, dass die Verdaulichkeit von Chlorella anscheinend erhöht werden kann, wenn die Zellwände aufgebrochen werden (Mitsuda H. et al., 1977). Basierend auf dieser Untersuchung werden auch heute noch Produkte verkauft, die mit den Attributen „broken cell – wall“ oder „mikronisiert“ werben (Kanno T., 2005).

Ein wichtiges Kriterium scheint allerdings zu sein, wie die Chlorella getrocknet wurde! Eine schlechte Verdaulichkeit wurde nämlich tatsächlich beobachtet, wenn diese mit einem sogenannten Hordentrockner getrocknet wurde, was früher durchaus üblich war. Durch den Einsatz von Sprühtrocknern konnte die Verdaulichkeit allerdings deutlich erhöht werden. Sie liegt um die 80% (meist am Beispiel der Proteine gezeigt), was ein guter Wert ist (Richmond A., 2004). Bei gefriergetrockneter Chlorella liegt die Proteinverdaulichkeit noch etwas höher, nämlich bei 86% (Lubitz J., 1963).

Im Jahre 1996 untersuchte das japanische National Consumer Affairs Center die Verdaulichkeit von Chlorella. (In Japan wird mengenmäßig die meiste Chlorella hergestellt und auch konsumiert!). Auch diese Untersuchung kommt zu dem Schluß: „Cell wall breakage does not make a difference in the digestibility of Chlorella.“ („Das Aufbrechen der Zellwand führt zu keinem Unterschied in der Verdaulichkeit von Chlorella.“)

Auch Richmond (2004) schreibt: „Chlorella – Zellen, die mit einer Kugelmühle aufgebrochen wurden, haben eine leicht höhere Verdaulichkeit als nicht-aufgebrochene Zellen. Der Unterschied ist allerdings nicht signifikant.“

Kanno T. (2005) widmet sich noch einem anderen wichtigen Punkt: Er gibt an, dass die Verdaulichkeit der Chlorella – Produkte auch von der verwendeten Art beziehungsweise des Stammes abhängig sein kann.

Allerdings unterlag die Chlorella – Systematik gerade in den letzten 10 – 15 Jahren großen Änderungen. Erst seit diesen Untersuchungen weiß man überhaupt, welche Chlorella –Arten es gibt und das es z.B. eine Chlorella pyrenoidosa (die früher oftmals beschrieben wurde) nicht gibt (Kessler E. & Huss V.A.R., 1992; Huss V.A.R. et al., 1999; Krienitz et al., 2004).

Zusammenfassung: Die Verdaulichkeit von Chlorella scheint durch das „Aufbrechen der Zellwand“ nicht signifikant erhöht zu werden. Einen größeren Einfluss scheinen Faktoren wie der Trocknungsprozess oder auch die verwendete Chlorella – Art (- Stamm) zu haben. Zur Behauptung, dass die Bindefähigkeit gegenüber Schwermetallen zunimmt wurden keine Studien gefunden.

Auch Kanno T. (2005) fasst zusammen: „Die originalen Charakteristika und die physiologischen Effekte von Chlorella werden durch das Aufbrechen der Zellwand nicht verändert.“ Und: „Eher ist zu befürchten, dass durch den Prozess des Aufbrechens der Zellwand Proteine degenerieren können, Vitamine und Fettsäuren zerstört werden können und es zu Oxidationseffekten kommen kann.“

Literatur:

LUBITZ, J. A. (1963), The Protein Quality, Digestibility, and Composition of Algae, Chlorella 71105. Journal of Food Science, 28: 229–232.

RICHMOND, A. (2004), Handbook of microalgal culture. Biotechnology and applied Phycology, Blackwell Science Ltd, a Blackwell Publishing company, 259.

MITSUDA, H. et al. (1977), Effect of the breaking of chlorella cells on the digestibility of Chlorella protein. J. Jpn. Soc. Nutr. Food Sci, 30(2).

KANNO, T. (2005), Chlorella vulgaris and Chlorella vulgaris extract (CVE),  Digestibility of Chlorella, 2005, Woodland publishing, 14-16.

KESSLER E. & HUSS V.A.R. (1992), Comparative physiology and Biochemistry and taxonomic assignment of the Chlorella (Chlorophyceae) strains of the culture collection of the University of Texas at Austin. Journal of Phycology 28: 550-553.

HUSS V.A.R et al. (1999), Biochemical taxonomy and molecular phylogeny of the genus Chlorella sensu lato (Chlorophyta). Journal of Phycology 35: 587-598.

KRIENITZ L. et al. (2004), Phylogenetic relationship of Chlorella and Parachlorella gen. nov. (Chlorophyta, Trebouxiophyceae). Phycologia 43: 529-542.

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Responses

  1. Ahoi Käptn Blaubär!

    Großartiger Artikel, vielen Dank. Vielleicht kannst Du mir ja nach so viel Recherche weiterhelfen: ich muss eine Schwermetallausleitung machen und bin nach meinen eigenen Recherchebemühungen einigermaßen verwirrt. Wenn es die pyrenoidosakadabra gar nicht gibt – was ist denn das dann, was als solche verkauft wird? Und wieso sagt man, dass diese Schwermetalle besonders gut aufnimmt? Welche Art würdest Du denn für dieses Vorhaben empfehlen? (ich habe sogar irgendwo gelesen, dass eine „ungecrackte“ Zellwand besser ist für die Schwermetallaufnahme)

    Vielen Dank schonmal!
    Beste Grüße,
    Dani

    • Ahoi Lütt Matten (na jetzt bin ich mal gespannt, ob Du den auch kennst?!)!
      Danke erst einmal für Deine Rückmeldung und Dein Lob!
      Der Name C. pyrenoidosa hat sich halt noch „gehalten“, wie ein Markenname quasi, obwohl man seit 15 Jahren weiß, dass es diese Art nicht gibt… Was dahinter steht, weiß man allerdings im Falle eines Produktes selten. Ältere Untersuchungen zeigen allerdings, dass dahinter wohl vor allem C. sorokiniana, C. vulgaris und andere Arten/Gattungen stehen… Jetzt habe ich Dich noch mehr verwirrt?!
      Ich denke wichtiger als die Art ist in dem Fall die Qualität. Pyrenoidosa und vulgaris werden seit Jahren für Ausleitungen genutzt, sollten also beide gut funktionieren. Und laut Literatur können diese Algen bis zu 6% ihrer Biomasse in vitro an (z.B.) Blei binden. Die Bindefähigkeit ist also enorm, weshalb wohl auch die Frage gecrackt/ungecrackt für die Bindefähigkeit egal ist. Wenn Du nämlich soviel Schwermetalle frei im Blut hättest, wie die Algen binden könnten, würdest Du einfach nach hinten umfallen. – Mal drastisch ausgedrückt.
      Fazit: Alles ist gut. Schau einfach nach dem Ursprungsland, lass Dir mal die aktuellen Analysen schicken und wenn das alles für Dich schlüssig ist, gehts los! 🙂
      Ich hoffe, ich konnte Dir helfen?!
      Algige Grüße, Kpt`n B

      • haha, ich hab den Lütt Matten mal gewikid – den jibbts entweder als Hasen, der vom Fuchs gefressen wird oder als kleenen Stöpsel, der fast zu Fischfutter wird. Da bin ich lieber Kapitänin der guten Laune! 🙂

        Danke für die schnelle Antwort. Jetzt ist mein verquecksilbertes Hirn allerdings tatsächlich noch mehr verzwiebelt. Umgefallen bin ich auch schon mal. Das kann nichts Gutes heißen… Sag mal, als Algenbauer verkaufst Du denn die grünen Scheißerchen auch selber? Die kannst Du doch sicher nich alle selber…? Und: was sind denn die allgemeingültigen „sicheren“ Grenzwerte?

        Danke nochmal,
        Dani

      • Na dann… – mit vollen Segeln auf den Meeren der guten Laune unbekannten Gegenden entgegen! 🙂 Ich meinte tatsächlich den Fischfutterstöpsel, der aber gerettet wird! (soviel sei dem geneigten Mitleser schon verraten) Jetzt muss ich mal den Hasen googlen…, den kannte ich nämlich noch nicht.
        Es stimmt, als Algenbauer habe ich selber auch ein paar von den kleinen Grünlingen herumliegen, aber ich will den Blog hier in keinster Weise als Werbeplattform für Produkte von Irgendwem (auch nicht von mir) verwenden. Ich kann die natürlich nicht alle selber…! Sonst würde ich wohl schon den nächsten möglichen Schritt in der Evolution gewagt haben, den hin zum photosynthetisierendem Humanoiden…
        Hier hast Du mal die von mir beobachtete Schwankungsbreite von Schwermetallen in Chlorella-Produkten: Blei 0,1 – >1 mg/kg; Arsen 0,1 – > 1,2 mg/kg; Cadmium 0,02 – >0,1 mg/kg; Quecksilber 0,01 – 0,07 mg/kg. Die Werte sind natürlich eine Momentaufnahme, sollten aber die Schwankungsbreite ganz gut zeigen. Jetzt kannst Du die Analyse Deines potentiellen Lieferanten besser einschätzen. Ich hoffe das hilft Dir weiter?!
        Viele Grüße aus dem Flachland,
        Jörg

      • Danke für die Werte, definitiv hilfreich. Ich wollte Dir das mit der Werbung garnienicht unterstellen. Sollte ich mich rein hypotheeetisch trotzdem für deine Grünlinge interessieren, z.B. um meine Marktrecherche zu vervollständigen, wo würde ich denn da fündig werden…? 🙂 Wenn nötig, schicke ich Dir gerne meine Email-Adresse (falls Du die nicht eh angezeigt bekommst).

        P.S: vielleicht bin ich ja auch noch zu retten, wie kleen Lütti

      • Hast Du meine Email bekommen?


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