Verfasst von: dieweltderalgen | 13. Oktober 2014

Algen als Lebensmittel – Geschichte & Gegenwart

Diesen Übersichtsartikel habe ich sehr gern für das „RohkostBlatt“ geschrieben: http://rohkostblatt.com/2014/10/13/algen-kraftstoff-aus-der-natur/

Viel Spaß beim Lesen!:

Es war in den 50er Jahren als man sich die Frage stellte, wie man die zukünftig wachsende Weltbevölkerung ausreichend mit Lebensmitteln, speziell Protein, versorgen will. Damals bevölkerten knapp 3 Milliarden Menschen die Erde… 1995: glatt verdoppelt! Und für das Jahr 2050 wird geschätzt, dass es 9 Milliarden Menschen sein werden. Die damalige Frage ist also aktueller denn je, denn die Größe der landwirtschaftlichen Nutzflächen bleibt in etwa gleich und das heißt, pro Kopf steht immer weniger Ackerland zur Verfügung. Das Problem verschärft sich noch durch steigende Versalzung, Kontamination und Erosion von Böden, die Ausbreitung von Wüsten, die Produktion von Ölpflanzen zur Herstellung von sogenannten Biokraftstoffen und den steigenden Fleischbedarf weltweit, der wiederum die intensive Nutzung großer Flächen zur Produktion von Futtermitteln nach sich zieht.

Und schon damals, vor 65 Jahren, hatte man einen Lösungsansatz parat. Algen! Algen wachsen bis zu 10 Mal schneller als Landpflanzen, enthalten viele wertvolle Inhaltsstoffe und… – Wasser bedeckt den überwiegenden (knapp 71%) Teil der Erdoberfläche. Es wird geschätzt, dass die Nutzung von „nur“ 2% dieser Fläche (etwa 4x die Größe Portugals) ausreichen könnte, 10 Mrd. Menschen mit Lebensmitteln zu versorgen! Zum damaligen Zeitpunkt gab es faktisch nur Algennutzung in Gegenden, in denen sie natürlicherweise zur Verfügung standen. In Küstengegenden zum Beispiel wurden Makroalgen seit hunderten von Jahren gesammelt, als Tierfutter oder Nahrungsmittel verwendet oder als Dünger auf die Felder gebracht. Mikroalgen, wie Spirulina, wurden in Seen (z.B. Tschadsee, See Texcoco) geerntet, getrocknet und in Lebensmitteln weiter verarbeitet. Aber einen gezielten Anbau von Algen gab es nicht. Das sieht heute schon anders aus. Knapp 20 Millionen Tonnen (Makro-) Algen werden jährlich geerntet und verarbeitet. Größter Produzent ist China vor Indonesien und den Phillipinen. Die Makro-Algen werden zum Großteil weiterverarbeitet und tauchen vor allem als Alginate (E401-405), Agar-Agar (E406) und Carrageen (E407) in unserer Nahrung auf. Dabei fungieren sie als Verdickungs- und Geliermittel oder als Stabilisatoren. Schätzungen gehen davon aus, dass heute schon in mindestens 70% aller Lebensmittel „Algen“ stecken! Marine Makroalgen tauchen in unserer Küche aber zunehmend auch in Form von Sushi („Nori“-blätter = Rotalge Porphyra), Meeresspaghetti (Braunalge Himanthalia) oder als Suppen- oder Salateinlage auf (Grünalge Ulva = Meeressalat, Braunalgen Laminaria & Undaria = Kombu, Kelp & Wakame).

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Marine Makroalge Himanthalia, besser bekannt als Meeresspaghetti (Illustration: Till Runkel, http://www.tillustration.de)

Mikroalgen stellen den weitaus kleineren Teil der genutzten Algen dar. Der Anbau ist aufwendiger und das macht sie vergleichsweise teuer. Mikroalgen werden weltweit in offenen Teichanlagen, in Photobioreaktoren oder Fermentern angebaut. Sie gelten als gute Quellen für mehrfach ungesättigte Fettsäuren, Proteine, Pigmente, Vitamine und Mineralstoffe. Im Lebensmittelbereich sind z.B. die Blaualge (Cyanobakterium) Spirulina und die Grünalge Chlorella interessant. Sie finden sich als natürliche Blau- bzw. Grünfarbstoffe in blauen „Schokolinsen“ und „Gummitieren“ oder in grünen Nudeln und Knusperbrot wieder. Neue Produkte, wie zum Beispiel eine pflanzliche „Milch“alternative aus dem Pulver einer speziell fermentierten Chlorella, welches auch zum Backen (Ersatz von Ei und Butter) verwendet werden kann, lässt das Potential dieser kleinen Alleskönner erahnen. Ansonsten gibt es ein breites Angebot an Nahrungsergänzungsmitteln in Form von Pulvern, Kapseln oder Presslingen auf dem Markt.

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Süßwasser – Mikroalge Chlorella (Bild: Jörg Ullmann, lichtmikroskopische Aufnahme, bearbeitet)

Wir kennen heute ca. 40.000 Algenarten und vermuten, dass es mindestens 10 Mal mehr auf unserem Planeten gibt, die alle noch unentdeckt sind. Wir Menschen nutzen gerade einmal ein paar Dutzend  dieser Arten und bauen diese erst seit ca. 65 Jahren an. Man kann sich vorstellen, was für ein Potential in diesem noch relativ jungen Gebiet der Landwirtschaft/Aquakultur liegt. Und die Forschung an dieser Thematik hat vor ein paar Jahrzehnten erst richtig begonnen… Es bleibt also spannend!

Faktenboxen zu häufig gestellten Fragen:

Algen. Biologie. Algen bilden kein Taxon, keine zusammengehörige Einheit im biologischen Sinn. Sie verbindet nur, dass sie Fotosynthese betreiben und meist „etwas mit Wasser“ zu tun haben. Ansonsten gehören sie sehr unterschiedlichen Gruppen an! Die Grünalgen (Chlorella, Meeressalat) und die Rotalgen (Porphyra „Nori“, Palmaria „Dulse“) werden den Pflanzen zugerechnet, die Blaualgen (Spirulina, Afa) gehören zu den Bakterien und die Kieselalgen (Odontella) und Braunalgen (Laminaria „Kombu“/“Kelp“, Himanthalia „Meeresspaghetti“) bilden eine ganz eigene Gruppierung, die mit den eben genannten so gar nichts zu tun hat. Bildlich gesprochen sind wir Menschen mit dem Fliegenpilz und der Karotte näher verwandt als die Grünalgen mit den Braunalgen oder die Beiden mit den Blaualgen!

 

Algen. Vitamin B12. Einige Algen können beträchtliche Mengen an B12 enthalten, die zum Teil deutlich über denen in tierischen Lebensmitteln liegen. Allerdings wird die Bioverfügbarkeit dieser verschiedenen Cobalaminverbindungen kontrovers diskutiert.
Beispiel Mikroalgen: Eine ganze Reihe an Untersuchungen zeigen, dass es sich bei dem Vitamin B12 in Spirulina hauptsächlich um ein sogenanntes Analogon handelt, welches nicht bioverfügbar ist! Im Gegensatz dazu zeigen die Analysen, dass das B12 aus Chlorella die bioverfügbare Form ist. „Alge“ ist eben nicht gleich „Alge“. Die einzige Studie, die bis jetzt tatsächlich am Menschen (allerdings mit wenigen Testpersonen) durchgeführt wurde, stützt diese Ergebnisse und wurde 2005 von der Vegan Society veröffentlicht.

 

Algen. Jod. Marine Makroalgen können Jod aus dem Meerwasser anreichern und teilweise große Mengen davon enthalten. Bis in die 70er Jahre fanden solche Algen deshalb als natürliche Jodquelle Verwendung. Der Jodgehalt ist abhängig von Anbaugebiet, Jahreszeit und Umweltbedingungen. Salzwasser-Grünalgen enthalten dabei weniger Jod (Meeressalat, Chile, 48 mg/kg) als Rotalgen (Nori, Japan, 5-60 mg/kg; Dulse, Irland, 150 mg/kg) oder gar Braunalgen (Laminaria, versch. Anbaugebiete, 2500 – 11.000 mg/kg). Die Bioverfügbarkeit des in Algen enthaltenen Jods ist unterschiedlich. In manchen Makroalgen waren 100% des Jods bioverfügbar, in anderen nur 10%. Dies scheint abhängig von der chemischen Form des enthaltenen Jods zu sein (organisch/anorganisch) und natürlich von der Algenart. Wässern oder Kochen können den Jodgehalt in der Alge senken (Wasser verwerfen). Vorsicht ist dennoch bei Schilddrüsenproblemen geboten.
Bei Süßwasseralgen (Chlorella, Deutschland, < 0,7 mg/kg) stellt sich dagegen die Frage nach dem Jod nicht, sie enthalten nur Spuren davon! (Angaben alle für die getrockneten Algen)

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