Verfasst von: dieweltderalgen | 26. April 2016

Blasentang (Fucus vesiculosus L.) – natürliche Jodquelle und therapeutisches Potential

Blasentang (Fucus vesiculosus L.) – natürliche Jodquelle und therapeutisches Potential

Dipl.-Biologe Jörg Ullmann

(erschienen in: OM & Ernährung, Nr. 154, 2016)

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Blasentang (Fucus vesiculosus L.), Copyright „Die Welt der Algen“

Der Blasentang oder auch „Meereseiche“ (Fucus vesiculosus L.) ist eine marine Makroalge, die zur Klasse der Braunalgen (Phaeophyceae) gehört und schon 1753 von Carl von Linné in seiner Species plantarum beschrieben wurde (1).

Der Blasentang wird bis zu einem Meter groß. Der olivgrüne bis gelbbraune Thallus ist regelmäßig gabelig verzweigt und bandförmig gebaut. Der Mittelnerv läuft zur Basis hin in einen Stiel aus, der mit einer Haftscheibe auf dem Substrat befestigt ist. Typisch sind die paarweise und in regelmäßigen Abständen angeordneten Gasblasen, die zu beiden Seiten des Mittelnervs liegen. Diese sorgen durch ihren Auftrieb für einen aufrechten Stand der Thalli unter Wasser (2, 3).

Das Verbreitungsgebiet reicht im Nordatlantik von Ost- und Nordsee über die Britischen Inseln bis zu den Kanarischen Inseln und Marokko oder auch bis an die Ostküste der USA. Reiche Vorkommen gibt es an den Küsten Großbritanniens. Auch in der Ostsee war diese Braunalge häufig anzutreffen, die Bestände sind allerdings seit 2004 stark rückläufig (4).

Die medizinisch-naturheilkundlichen Anwendungen des Blasentangs sind vielfältig und werden nachfolgend zusammenfassend aufgeführt. Fucus vesiculosus findet Anwendung als Schlankheitsmittel, zur Behandlung von Schuppenflechte, zur Verbesserung des Hautbildes, hat entzündungshemmende Eigenschaften, zeigt antibiotische und antivirale Aktivitäten, hat gerinnungshemmende Eigenschaften und hemmt das Wachstum verschiedener Krebszelllinien. Aufgrund seines hohen Gehaltes an Jod wird er schon lange zur Kropfbehandlung eingesetzt.

Wie alle Meeresalgen können vor allem Braunalgen große Mengen an Jod anreichern, nämlich von ca. 0,000005% im Meerwasser auf bis zu ca. 0,3% in der Algenbiomasse! Dabei gilt die Faustregel, dass Braunalgen mehr Jod enthalten als Rotalgen gefolgt von den Grünalgen. Allerdings gilt das nur für die Meeresalgen. Süßwasseralgen, wie zum Beispiel Chlorella, enthalten nur Spuren dieses Elements. Das macht Meeresalgen als natürliche Jodquelle interessant. Und so titelte kürzlich zum Beispiel auch die Süddeutsche Zeitung: „Algen sind der perfekte Jod-Lieferant für Vegetarier“ (5).

Ausgewählte Inhaltsstoffe von Fucus (pro 100 g)

Energie kJ 809
kcal 194
Protein g 7,4
Kohlenhydrate g 15,7
Ballaststoffe g 44,6
Fett g 1,3
Polyphenole g 5,6
Natrium mg 4023
Magnesium mg 885
Kalium mg 3272
Kalzium mg 1167
Eisen mg 14,7
Jod mg 40,0 (21,2-88,4)
Vitamin E mg 12
Vitamin B3 mg 1,7
Vitamin B8 µg 47,3

Tab. 1: Ausgewählte Inhaltsstoffe (mittlere Werte) von Fucus vesiculosus und Fucus serratus bezogen auf 100 g Trockenmasse. (Quelle: www.ceva.fr, CEVA (Centre d`Etude et de Valorisation des Algues), Pleubian, France, Fiche Nutritionnelle – Fucus serratus,vesiculosus  14.03.2015)

Die medizinische Nutzung des (jodreichen) Blasentanges reicht weit zurück. So wird zum Beispiel schon in Samuel Hahnemanns „Apothekerlexikon“ von 1793 dessen Anwendung bei Kropf und Skrofeln beschrieben: „Wo er (der Blasentang, Anm. des Autors) wächst, pflegt man mit dem rohen oder bis zum Rhob eingedickten Safte der Bläschen desselben Kröpfe und verhärtete Drüsen zu reiben. Dieses Kraut in verdeckten Geschirren schwarz gebrannt und zu Pulver gemacht, führt den Namen „vegetabilischer Mohr“ (Aethiops vegetabilis), eine hie und dort gegen Drüsengeschwülste gerühmte Arznei.“ (6)
Das Element „Jod“ wurde allerdings erst später, 1811 von dem französischen Chemiker Bernard Courtois entdeckt. Auch dabei spielten Algen die Hauptrolle. Durch die Veraschung von Braunalgen (Gattung Laminaria) sollte eine Lauge hergestellt werden, die über verschiedene Zwischenschritte,  Ausgangsstoff für die Herstellung von Schießpulver sein sollte (dieses wurde in den Napoleonischen Kriegen benötigt). Dabei stiegen nach Zugabe von Schwefelsäure violette Dämpfe auf – ein neues chemisches Element war entdeckt. Das neu gefundene Element wurde „Iodine“ getauft, in Anlehnung an das altgriechischen Wort für violett: „ioeides“ (7).

Jod ist ein lebenswichtiges Spurenelement, welches für den Aufbau der jodhaltigen Schilddrüsenhormone benötigt wird. Diese spielen unter anderem eine wichtige Rolle in der Wachstumsphase, im Energiestoffwechsel und bei der Entwicklung der meisten Organe, besonders des Gehirns. Weite Teile Mitteleuropas gelten als Jodmangelgebiete. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt eine tägliche Zufuhr von 180-200 µg Jod pro Tag für Erwachsene. Die tatsächliche Jodaufnahme wurde für Deutschland allerdings auf nur 110-120 µg geschätzt (8).Weltweit sind nach Schätzungen der WHO bis zu einer Milliarde Menschen von Jodmangel betroffen (9). Auf der anderen Seite kann ein Überangebot an Jod (Jodexzess) auch zu Schädigungen führen. Hierbei gibt es jedoch hinsichtlich des Risikos große individuelle Unterschiede. Gesunde Erwachsene tolerieren Jodmengen von 1.000-2.000 µg pro Tag. Waren sie allerdings vorher einem Jodmangel ausgesetzt liegt diese Obergrenze viel niedriger (10). Vom Bundesamt für Risikobewertung wird ein Wert von 600 µg (von der WHO 1.000 µg) als tolerable Höchstmenge angegeben, die bei täglicher Gesamtzufuhr keinerlei Nebenwirkungen hervorruft (11).

Meeresalgen, wie der Blasentang, gelten als gute natürliche Jodquelle (12). Die Jodgehalte in Algenprodukten können allerdings stark schwanken, was eine sichere Versorgung mit diesem Spurenelement schwierig macht. Der Jodgehalt ist dabei stark abhängig vom Anbaugebiet, vom Alter der Alge oder auch vom Erntezeitpunkt. Nahrungsergänzungsmittel aus Blasentang, zum Beispiel in Form von Kapseln, sollten deshalb unbedingt durch einen standardisierten Prozess auf einen bestimmten Jodgehalt eingestellt sein. Außerdem sollten die Produkte unbedingt auf Schadstoffe geprüft sein, da die Algen auch Schwermetalle wie Blei, Quecksilber, Cadmium und Arsen akkumulieren können.

Die Bioverfügbarkeit von Jod aus Lebensmitteln kann sehr unterschiedlich sein. Wichtig sind dabei die vorliegenden Jodverbindungen an sich, das Verhältnis von (wasserlöslichen) anorganischem zu organischem Jod, die Matrix des Lebensmittels (jodidbindende Substanzen) und die Verfügbarkeit verschiedener Mineralien (vor allem Selen). Bioverfügbares Jod ist dabei solches, welches nach Aufnahme auch zur Produktion der Thyroidhormone verwendet wird. Zum Beispiel wird anorganisches Jod schnell aufgenommen, aber 85-90% davon direkt wieder über den Urin ausgeschieden. Das heißt, die Bioverfügbarkeit von anorganischem Jod liegt bei ca. 10-15% (13, 14, 15).

In Algen kann das Auftreten der verschiedenen Jodverbindungen und der Gehalt an Jod sehr stark variieren, mit Konsequenzen für die Bioverfügbarkeit (16). Die Bioverfügbarkeit von Jod aus Braunalgen scheint dabei aber sehr gut zu sein. Bei den untersuchten Braunalgen lagen die Werte bei 90% beziehungsweise 61,5% in Abhängigkeit vom Personenkreis, die die Algen einnahmen. Der Gehalt an anorganischem Jodid lag bei ca. 80-87%, der von organisch gebundenem Jod bei 13-20% (14, 17). Das organisch gebundene Jod kann in der Form nicht aufgenommen werde und muss erst aufgespalten werden. Das kann in einer verzögerten Freisetzung, eine Art „Depotwirkung“, von Jod resultieren.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Meeresalgen eine gute, natürliche Jodquelle vor allem für Vegetarier und Veganer sein können. Der Blasentang wurde schon vor langer Zeit, bereits vor der Entdeckung des chemischen Elements Jod, bei typischen Jodmangelerkrankungen erfolgreich eingesetzt. Präparate aus Blasentang können bei richtiger Anwendung eine optimale Jodversorgung sicherstellen. Die Präparate sollten allerdings einen fest eingestellten Jodgehalt haben und auf Schadstoffe geprüft sein.

  • Caroli Linnaei (1753).Species plantarum, exhibentes plantas rite cognitas, ad genera relatas, cum differentiis specificis, nominibus trivialibus, synonymis selectis, locis natalibus, secundum systema sexuale digestas. Holmiae, Impensis Laurentii Salvii. (Digitalisierte Fassung unter: http://www.botanicus.org/page/358012)
  • Bohuslav Fott (1971). Algenkunde. 2. Auflage. VEB Gustav Fischer Verlag Jena.
  • Christiaan van den Hoek, Hans Martin Jahns, David G. Mann (1993). Algen. 3,, neubearbeitete Auflage. Georg Thieme Verlag Stuttgart.
  • Constanze Pehlke, Uwe Selig, Hendrik Schubert (2008). Verbreitung und Ökophysiologie von Fucus-Beständen der Mecklenburger Bucht (südliche Ostseeküste).In: Meeresbiolog. Beitr., Heft 20, S. 123-142.
  • Bonn (dpa/tmn). (02. Dezember 2015). Algen sind der perfekte Jod-Lieferant für Vegetarier. Ernährung. sueddeutsche.de.
  • Samuel Hahnemann (1793). Apothekerlexikon. Leipzig. 1. Abt., 1. Teil, S. 132. (Digitalisierte Fassung unter: http://www.zeno.org/nid/20003629031)
  • Patricia A. Swain (2005).Bernard Courtois (1777–1838), Famed for discovering Iodine (1811), and his life in Paris from 1798. Hist. Chem., Vol. 30, Number 2.
  • DGE-Info (2003). Mit Jodsalz und ausgewogener Ernährung konsequent, effektiv und sicher gegen Jodmangel.Forschung, Klinik und Praxis.
  • WHO (2004). Iodine Status Worldwide. S.31.
  • Bundesamt für Risikobewertung (2004, aktualisiert 2007). Gesundheitliche Risiken durch zu hohen Jodgehalt in getrockneten Algen.
  • Bundesamt für Risikobewertung (2005). Vitamine und Mineralstoffe in Nahrungsergänzungsmitteln – Eine aktuelle Risikobewertung.
  • Emilie Combet, Zheng Feei Ma; Frances Cousins, Brett Thompson, Michael A. J. Lean (2014). Low-level seaweed supplementation improves iodine status in iodine-insufficient woman. British Journal of Nutrition. 112 (5). 753-761.
  • Susan Fairweather-Tait and Richard F. Hurrell (1996). Bioavailability of minerals and trace elements. Nutrition Research Reviews. 9. 295-324.
  • Robert Aquaron, Francois Delange, Pascal Marchal, Vincent Lognone and Leon Ninane (2002). Bioavailability of seaweed iodine in human beings. Cellular and Molecular Biology. 48 (5). 563-569.
  • F. Hurrell (1997). Bioavailability of iodine. European Journal of Clinical Nutrition. 51. (1). 9-12.
  • Xiaolin Hou, Chifang Chai, Qinfang Qian, Xiaojun Yan and Xiao Fan (1997). Determination of chemical species of iodine in some seaweeds (I). Science of the Total Environment. 204 (3). 215-221.
  • Vanessa Romarís–Hortas, Cristina García-Sartal, María del Carmen Barciela-Alonso, Raquel Domínguez-González, Antonio Moreda-Piñeiro and Pilar Bermejo-Barrera (2011). Bioavailability study using an in-vitro method of iodine and bromine in edible seaweed. Food Chemistry. 124 (2011). 1747-1752.
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